Der „Bio-Garten“ ist in Gefahr!

Auf Lichtenberg mögen verschiedene Eigenschaften zutreffen: urban, laut und grau – aber kinderfreundlich und naturnah? Für unsere 30 Kinder im Alter von 1-6 Jahren bei der ökologischen Elterninitiativ-Kita „Herzberger Wurzelzwerge e.V.“ stimmen auch diese letzten beiden Attribute, denn bis jetzt besuchen sie mit ihren Erziehern täglich ihren Bio-Garten.

2013 fingen dann plötzlich Streitigkeiten um die Fläche an. Es hieß auf einmal, dass eine vier Meter hohe Schallschutzmauer direkt in den Garten gebaut werden müsse, da auf dem Nachbargrundstück, dem Gelände des ehemaligen Kinderkrankenhauses Lindenhof, neue Wohnhäuser entstehen. Das Problem rührt daher, dass der Biogarten an das Straßenbahndebot des Betriebshofs Lichtenberg der BVG grenzt. Während der „Lärm“ der direkt nebenan einparkenden Straßenbahnen die Kinder nicht mal aus ihrem Mittagsschlaf reißt, soll er im Nachbargrundstuck für zukünftige Bewohner unzumutbar sein. Das Lindenhof-Areal, welches bestimmt 100 Meter entfernt beginnt, wird sogar durch einen mit Bäumen bewachsenen Hügel abgetrennt. Der Bio-Garten sollte bis August 2013 geräumt werden.

Also wurde damals eine Petition gestartet, Ämter und Gutachter wurden kontaktiert mit dem Ergebnis, dass die Pacht bis Juli 2015 verlängert werden konnte.

Künftig soll eine Lärmschutzwand das Straßenbahndepot von den Gemüsebeeten trennen. Auch wenn wir uns wünschten, nicht direkt neben einer meterhohen Mauer gärtnern zu müssen, die uns ab Nachmittag die Sonne nimmt, so wird dies dem Biogarten an sich nichts anhaben können.

Nun jedoch hat sich die Sachlage dramatisch verändert. Nachdem die drohende Schallschutzmauer bereits wie ein Damoklesschwert über dem Biogarten und den Kinderherzen lastete, erfuhren wir nun im Februar 2015, dass es einen Käufer für das Grundstück gibt und der Pachtvertrag entsprechend nicht verlängert werden könne – das wäre das endgültige Aus für den Biogarten. Damit würde es auch für unsere Kinder graue Theorie, wie der Weizen wächst, wie man Tomaten erntet und Erdbeeren direkt von der Pflanze nascht. Wenn die Bagger rollen, wird ein wundervoller Rückzugsort für viele fröhliche Kinder eingestampft werden. So wird Lichtenberg umso mehr: urban, laut und grau.

Es ist wirklich schade, dass am Ende immer nur die wirtschaftlichen Interessen in der Berliner Politik zählen, ein Bildungsauftrag für jedes einzelne, individuelle Kind wird da einfach außer Acht gelassen. Schließlich bringen unsere glücklichen Kinder keinen finanziellen Vorteil.

Es sei denn, es gibt doch noch Hoffnung für unsere 30 kleinen Wurzelzwerge und eine andere Lösung als den Verkauf des Biogartens oder wenigstens eine vergleichbare Ersatzfläche.

Wir sind dazu derzeit bereits im Gespräch mit dem Zuständigen beim Tiefbauamt sowie vom Bezirksverband Berlin-Lichtenberg der Gartenfreunde e.V. und möchten auch der Lichtenberger Bezirksbürgermeisterin Frau Birgit Monteiro unsere Situation schildern.

Wir freuen uns über alle, die uns darüber hinaus unterstützen möchten und Ideen haben! Bitte einfach an kita@herzberger-wurzelzwerge.de schreiben!

Zum Hintergrund:

Die Kita wurde im Mai2012 eröffnet und im Landschaftspark Herzberge wurde ein 600qm großes Grundstück als zukünftiger Biogarten ausgewählt. In vielen Arbeitsstunden wurde innerhalb von zwei Jahren ehrenamtlich durch Eltern und Erzieher gemeinsam mit viel Engagement und Tatkraft die Fläche überhaupt nutzbar gemacht. Denn damals war sie voller Altlasten, die Fläche musste regelrecht dekontaminiert werden von Schlacken, Steinen. Frische Erde wurde aufgeschüttet und somit konnten die ersten Beete entstehen.

Damit hat die Elterninitiative damals auch einen großen Beitrag dazu geleistet, dass das Grundstück ein Teil gesunder Stadtnatur wurde. Denn ganz im Gegensatz zu den Herzberger Wurzelzwergen interessierte sich zu diesem Zeitpunkt niemand für die Fläche. Ganz im Sinne des Berliner Bildungsprogrammes, welches als Richtschnur für die pädagogische Arbeit im Berliner Kitabereich gültig ist, wurde hier eine Oase der Umweltbildung geschaffen.

Dort finden die Kinder nicht nur ihren grünen Abenteuerspielplatz, sondern sie erleben heimische Kleintiere und Pflanzen und erlernen greifbar Grundlagenwissen über ökologische Landwirtschaft, die manch erwachsener Städter nicht weiß. Sie lernen Verantwortung für ihre Umwelt zu übernehmen und sind viel an der frischen Luft, was jedem Stadtkind zu wünschen ist.

Jedes Frühjahr sähen die Kinder Gemüse, Kräuter und Blumen aus. Natürlich kümmern sie sich dann auch darum, dass die Pflanzen gut gepflegt wachsen und am Ende wird geerntet. Somit entsteht ein Kreislauf, denn selbstverständlich wird das eigenhändig erzeugte Essen dann auch gemeinsam zubereitet und genossen.

Bei den Kindern entstehen Verständnis und Wertschätzung für die Lebensmittelproduktion abseits der Supermärkte. Der Nachhaltigkeitsgedanke wird fest verankert, denn wer wirft schon weg, was er mit viel Zeit und Liebe selbst erzeugt hat?

Wer an Kindergartenessen denkt, mag sich an Skandale erinnern oder an billige Massenware denken. Bei den Wurzelzwergen geht es beim Essen auch um Herkunft, Anbau und eigenhändiges Ernten.

Beim Weizen-Projekt wurde z. B. gemeinsam Getreide ausgesäht, die Kinder konnten ihm täglich beim Wachsen zusehen und backten daraus schließlich eigenhändig kleine Brote – dies allerdings ausnahmsweise in der überdachten Kita-Küche.

Aber selbst im Winter wird der Garten bei klirrender Kälte genutzt – mit entsprechender Kleidung und Schlitten im Gepäck. So wurde zum Beispiel eines Tages ein Lagerfeuer mitten im Schnee entfacht, auf welchem dann das Mittagessen für die Kinder köchelte – Erlebnispädagogik, die viele Berliner Kinder nicht in ihrem Kita-Alltag finden werden.

Und nicht selten passiert es, dass die Kinder mit offenem Mund und leuchtenden Augen auf der Wiese stehen, wenn sich eine faustgroße Kröte in den Buddelkasten verirrt. Gemeinsam mit ihren Erziehern und einer Schaufel evakuieren sie dann das verschreckte Tier zurück auf die Weide.
Falls sich gerade keine „wilden“ Tiere im Biogarten aufhalten, so bietet zumindest die regelmäßig direkt nebenan weidende Schafherde Kontakt zu Tieren. Außerdem gibt es alle möglichen Arten von Vögeln und Bodentieren zu beobachten und dafür drehen unsere Erzieher gern auch mal den einen oder anderen Stein um. So lernen die Kinder von klein auf, dass die „Krabbeltiere“ nicht eklig, sondern nützlich sind und verlieren Berührungsängste.

Ein vom öffentlichen Raum abgetrennter Biogarten ermöglicht auch ganz unerwartete Erlebnisse. Keine BSR entsorgt hier die Hinterlassenschaften der Kinder, Müll wird wieder mit in den Kinderladen genommen. Eines Tages formte sich vor dem Gartentor ein Kreis aus nachdenklichen Kindern um eine tote Maus. Den Ideen der Kinder dazu, was der Maus zugestoßen sein könnte, folgten die Erklärungen der Erzieher, und eine aufgewühlte Diskussionen darüber, was mit dem

Kadaver weiter passieren würde. So kann ein kleines Gartengrundstück die Bearbeitung von Themen bewirken, die in unserer urbanen Gesellschaft ein Tabu sind.